Es ist früher morgen und ich sitze im Regionalzug nach Berlin-Schönefeld. Mir gegenüber sitzt zufällig Ying, chinesische Kollegin aus der Cellogruppe. Wenig später taucht auch noch David, ebenfalls Cellist auf. Aus den verschiedensten Teilen Berlins reisen sie an, Musiker, Freunde, Kollegen, um sich am Flughafen Schönefeld in dieses Kollektiv einzureihen, dass für die nächsten drei Wochen einmal quer durch Großbritannien reisen wird: Dem Konzerthausorchester Berlin.
Der Flughafen Berlin-Schönefeld ist, man muss es einfach mal sagen, ausgesucht hässlich. Ich will gerade losmeckern (bisschen meckern gehört zum Musiker wie das tägliche “Guten Morgen”, ist mehr Sozialisation als wirkliche Meinung), über Milliarden schimpfen, die da für diesen Schrott verpulvert wurden, als mich einige Kollegen vorsichtig darauf hinweisen, dass dies der alte Flughafen ist, der dann irgendwann (Sie glauben doch nicht ernsthaft im Juni?!) ausser Betrieb geht und abgerissen wird. Ok, ich hab nix gesagt.
Krankmeldungen
Die Reise hat noch nicht begonnen, schon trudeln die ersten Krankmeldungen ein.
Gesucht werden 3 neue Geigen und ein Fagott. Irgendjemand Interesse?
Am Gate sitzt Alejandra, Geige, auf dem Boden und entspannt sich. Auf die Frage, ob sie zur Sicherheit nochmal Brahms I höre, lacht sie: “Nein, ist Musik aus meiner Heimat, Sevilla”.
Ein Cellist hat die Ankunftszeit auf dem Plan als Abflugszeit verstanden. Der Flieger steht startklar auf der Rollbahn, als wir erfahren, dass der Kollege gerade im Terminal eingetroffen ist. Die EasyJet-Plakate am Check-in sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache: “If you’re late, we won’t wait.”
Nicht jedes Versprechen, dass auf Plakaten gegeben wird, wird auch eingelöst (vgl z. Bsp Air Berlin: “Your Airline”). Dieses aber leider doch, weshalb der Betreffende seine Anreise nun selbst zahlen muss.
An Bord herrscht die gewohnte Enge, aber der englische Kapitän begrüsst uns mit ungewohnter Fröhlichkeit, bemerkt, dass wir uns glücklich schätzen dürften, heute eine wirklich fantastische Crew an Bord zu haben, erwähnt, dass der Flieger tollerweise bis auf den letzten Platz voll sei (Minus ein Cellist) und wünscht uns einen guten Flug.
London Luton empfängt uns, wer hätte es erwartet, im Nebel. Nach den ersten Krankmeldungen, und dem zu spät Gekommenen kommt jetzt der Zoll: Wir verlieren vorübergehend einige weitere Kollegen, vornehmlich solche, die keinen europäischen Pass haben. Eigentlich müssten die Nummern der benötigten Arbeitserlaubnis (juristisch gesehen ist es tatsächlich Arbeit, was wir machen) in irgendeinem System eingespeichert sein, aber das System streikt. Keine Nummern – keine Einreise, und somit sitzt eine kleine Anzahl von Kollegen erstmal im Flughafen fest.
Ein Bus fährt schonmal los, der andere wartet, und durch eine glückliche Fügung sitze ich in dem Bus, der zuerst fährt.
Ich erfahre später: Eine Stunde später ging es dann auch für den zweiten Bus los.
- Helge -

