Reibungsverluste

Heute ist wohl der Punkt erreicht, an dem man sich gegenseitig auf den Füßen steht. Die ersten Reibereien entstehen, plötzlich bekommt man sich wegen Kleinigkeiten in die Haare. Auf den gestrigen Tobsuchtsanfall einer jüngeren Kollegin (“und wenn mich noch einmal jemand fragt, wie ich mich fühle, flippe ich komplett aus”) folgt heute eine grössere Reiberei meinerseits mit einem anderen Kollegen. Die Umstehenden gehen entweder in Deckung oder kratzen sich ratlos an den Hinterköpfen und murmeln Diagnosen wie beispielsweise “fortgeschrittener Tourneekoller” . Nur wenig später heißt es „Auftritt“, und mit Ärger im Bauch geht man auf die Bühne. Dort aber wird wohltuenderweise mit einem Mal alles ganz einfach. Jeder hat seinen Platz, seinen Bereich, jeder weiß, was er zu tun hat, und was wohin gehört. Natürlich kehrt nicht augenblicklich der Weltfrieden ein, aber zumindest für die Dauer der Sinfonie sind Harmonie und Zusammenspiel das Ziel. Als schließlich Gerard im siebtletzten Takt den F-Dur Durchgang aus seiner Bassposaune herausstrahlt, ist die Welt eigentlich schon fast wieder in Ordnung.

- Helge –

Konzertmeister…

werden auf englisch “leader”genannt. Und wenn man das Wort “leader” wörtlich rückübersetzt, kommt das hier heraus:

Bradford

Als wir in Bradford ankommen, lerne ich zu meiner Begeisterung, dass dies die Stadt mit der höchsten Dichte an indischen Restaurants in England ist. Der Inder den wir dann spontan nach Ankunft aufsuchen, kommt dann leider doch nicht an den Klasse-Inder von Leeds ran.

Als wir bereits eine Stunde beim Inder sitzen, taucht Kit Armstrong auf. Er war in einem der beiden Grossraumtaxen, und ist jetzt erst angekommen. Der Fahrer hat es verstanden, zuerst Bradford weiträumig zu umfahren, dann ist er in irgendeine Stadt hineingefahren, und nachdem er das Taxi in den nächstbesten Stau hineinmanövriert hatte, stellte sich heraus, dass das eigentliche Ziel ihrer Reise bereits 38 Meilen hinter ihnen lag.

Nach dem Essen machen wir uns auf den Weg…

… zur St. George’s Hall…

… in deren plüschig-nostalgischen Ambiente…

… schon ganz andere Berühmtheiten…

….vor uns da waren!

18. Mai 2012, Derby – Bradford

Morgens erwarten uns doch nur zwei Busse, die das Orchester heute von Derby nach Bradford bringen sollen. War da nicht gestern die Rede von drei Bussen…?  Egal. Die Agentur hat ein einsehen, und zehn der etwas gesundheitlich angeschlagenen Kollegen werden auf zwei Großraumtaxen verteilt.

Ich erfahre vor der Abfahrt: Es gab um die Ecke vom Hotel ein Cafe, wo man super frühstücken konnte. Mit richtigem Brot, super Kaffee in Emaillebechern und keine Bacon-and-eggs weit und breit. Und natürlich waren ganz viele von uns da und schwärmen jetzt davon. Nur ich war nicht dabei.  Mist.

Wir verlassen die zweitausend Jahre alte Stadt Derby, ohne weitere Spuren zu hinterlassen. Hier ein paar letzte Impressionen:

Typisch englische…

… Parklandschaft

Derby Cathedral

Vor der Abreise:

Baßposaunist Jörg Gerhardt und Geiger Markgolf Ehrig

Cellistin Na-yon Han und ihr Iphone

Unser Stagemanagement-Team macht sich startklar:
Gregor Beyer, Dirk Beyer, Zsoltan Kovacs

Konzert

Das Konzert beginnt heute wieder mal mit der Freischütz-Ouvertüre, danach folgt das Klavierkonzert von Mozart.

Das Orchester nimmt seinen Begrüßungsapplaus entgegen.

Da die Posaunen heute nur im Freischütz besetzt sind, höre ich mir die zweite Hälfte an.

Gespannte Erwartung vor Beginn der zweiten Hälfte

Heute erklingt zum ersten Mal auf dieser Reise Beethovens 3. Sinfonie, die “Eroica”.  Der transparente Saal erfordert heute höchste Präzision, die Wiederaufwärmzeit für das Stück seit der letzten Reiseprobe in Berlin ist denkbar kurz, und so ist das Orchester heute mächtig unter Spannung. Auch wenn der Saal mit Publikum das letzte Quentchen Brillanz nicht zulässt, wird es ein sehr befriedigend anzuhörendes Konzert. Hochkonzentriert spielt das Orchester über alle technischen Gemeinheiten, die dieses Stück bereithält, hinweg, und erspielt sich den verdienten Schlussapplaus.

- Helge -

Warwick Arts Centre, Warwick

In der Anspielprobe gibt es die erste Überraschung: Der Saal im Warwick Arts Centre von Coventry klingt ziemlich gut. Wie ich hinterher erfahre, hat Sir Simon Rattle hier seine berühmten Aufnahmen mit dem City of Birmingham Symphony gemacht. Na also…

Diese Decke verheißt schlimmes…

…aber die Butterworth Hall des Warwick Arts Centres…

… klingt durchsichtig und ausgewogen. Alexander Liebreich mit dem Konzerthausorchester

Nach der Anspielprobe tritt Andrew Jamieson, Head of Tours bei IMG vor das Orchester. Er entschuldigt sich für den harten Zeitplan und bittet um Verständnis dafür, dass manches nicht so geklappt hat wie geplant. Die Konzerte seien aus seiner Sicht bis jetzt wunderbar gewesen, er sei begeistert, das so ein tolles Orchester in Großbritannien zu Gast sei. Mr Jamieson versteht es geschickt, ein paar Wogen zu glätten. Wenn ich richtig verstanden habe, sind 3 Busse für den Rest der Reise kein Problem mehr. Das glaube ich allerdings erst, wenn ich es sehe.

Andrew Jamieson

Es mag für manchen Leser vielleicht ungewöhnlich erscheinen, aber Fragen wie Platz und Ruhe haben im Orchester einen hohen Stellenwert. Fast hundert Leute arbeiten auf ungewöhnlich engem Raum, die Arbeit erfordert Konzentration, kann nervlich anstrengend sein, und dann kommt auch noch die Tatsache dazu, dass 100 Musiker 100 Meinungen haben. Künstlerische Differenzen wollen ausdiskutiert werden, ein musikalischer gemeinsamer Nenner muss in jedem Werk, in jedem Saal und mit jedem Dirigenten gefunden werden, und da passiert es schnell, dass die Nerven blank liegen.

Eine Busfahrt a la Sardine kann dann der Funke sein, der das Pulverfass zur Explosion bringt. Insofern war es nicht dumm von Herrn Jamieson, die Lunte heute frühzeitig zu löschen.

Ulf Werner dazu:

“Ich sag Dir, diese Reise kostet mich ein paar Lebensjahre. Ich schlafe schlecht und sitze ständig über den Plänen und überlege, wie wir morgen elegant und ohne Schäden zum nächsten Ort kommen. Wie vermeide ich, dass weitere Leute krank werden?

Ich habe den Herrschaften von IMG klar gemacht, dass das hier nicht irgendein Billigladen ist, bei dem dann die Streicher das Konzert auf Sparflamme hinter sich bringen. Dieses Orchester will jeden Abend auf sein Niveau kommen, will jeden Abend Vollgas geben, und dazu dürfen gewisse Rahmenbedingungen nicht verlassen werden.“

Ulf Werner

- Helge -

Abfahrt mit Hindernissen

Als ich zum Bus komme, stelle ich fest: die Agentur hat kurzerhand den 3. Bus für die Fahrt heute gestrichen. Und richtig: irgendwie hatte es doch geheissen, dass nur für lange Fahrten ein 3. Bus bereitgestellt würde. Dass eine Busfahrt von ca ein bis anderthalb Stunden in Augen von IMG nicht wirklich lang ist, wirft die Frage auf: Was ist eigentlich lang? Das Orchester findet, dass die heutige Fahrt lang genug ist, und unter den Kollegen entsteht Unmut. Es stellt sich wirklich die Frage, ob ein  Tag, der ausnahmsweise eine Spur bequemer ist als die anderen, künstlich unbequem gemacht werden muss.

- Helge -